
Art Déco Schmuckproduktion gesichert
Industriedenkmal sichert sich Galalith Bestände
Die Firma Bengel, jetzt ein Industriemuseum, blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. War nach der Gründung 1873 zunächst die Fabrikation von Uhrenketten das Hauptstandbein, wurden seit ca. 100 Jahren auch Schmuckwaren hergestellt. Der Grundsatz günstige Produkte für die breite Bevölkerung herzustellen, wurde auch hier zum Garant des Erfolges. Durch erschwingliche Preise für dekorativen und ansehnlichen Schmuck kam es zu einer bedeutenden Produktionsmenge und dementsprechend einer hohen Belegschaftsquote. Welchen immensen Wert das für die Stadtentwicklung hatte, liegt auf der Hand. Die Designrichtung des Art Déco hatte in den Zwanziger- und Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Art Déco Schmuck aus dem Hause Bengel wurde nahezu in die ganze Welt verkauft und machten Bengel zu einem bedeutenden und international anerkannten Vertreter dieser Designrichtung. Statt mit Edelmetallen und echten Schmucksteinen wurde für die Produktion oft Messing und als dekoratives Element Galalith eingesetzt. Galalith ist ein früher Kunststoff auf der Basis des Milcheiweißes Casein in Verbindung mit Formaldehyd. Die Rohmasse lässt sich leicht einfärben und wird durch Wärme und Druck in verschiedene Grundformen gepresst. Aus glänzenden und farbigen Stäben, Zylindern oder Platten wird später das Schmuckelement herausgearbeitet. Zeitgenössische Zeichnungen und Musterstudien des historischen Schmucks sind in den Büchern von Jakob Bengel im Museum zu bewundern. Nach diesen Entwürfen werden noch heute bei Bengel originalgetreue Repliken gefertigt und mit einem Zertifikat verkauft.

Heutige, erdölbasierte Kunststoffe haben schon vor langer Zeit Galalith den Rang abgelaufen und daher wird es nicht mehr in nennenswerten Mengen produziert. Damit geriet die weitere Herstellung dieses Schmucks im Hause Bengel in Gefahr, bis sich eine ältere Dame – die nicht namentlich genannt werden will- im Industriemuseum meldete. Die Dame aus dem Großraum Köln, selbst Schmuckdesignerin, hatte zu diesem Zweck schon seit vielen Jahren größere Mengen Galalith eingekauft. Neben weiteren Faktoren offenbarte ihr insbesondere der Nachfrageeinbruch durch Corona, dass sie den Grundstoff nicht mehr aufbrauchen würde. Als sie sich schweren Herzens entschied den Schmuckkunstsoff zu veräußern, gab es für sie eigentlich nur eine Adresse. Durch die historische Bedeutung kam nur Bengel als Abnehmer in Frage. Bei Begutachtung vor Ort stellte sich heraus, dass Qualität und Vielfalt des größtenteils historischen Materials herausragend war.
Vor der Abholung musste natürlich die Finanzierung geklärt sein. Die Jakob-Bengel-Stiftung und der Freundeskreis Jakob Bengel Denkmal e.V. brachten zunächst Eigenmittel ein. Die Vorsitzenden Peter Wenzel und Harald Iring akquirierten weitere Mittel von der Hochschule Trier/Fachbereich Edelstein und Schmuck sowie weiteren privaten Gönnern. Schließlich stand noch eine Restsumme von 1.500 Euro im Raum. Die Kreissparkasse erklärte sich spontan bereit diesen Betrag aus dem PS – Reinertrag zu spenden. Damit konnte der einzigartige Erwerb finalisiert werden. Um sich ein Bild von Rohwaren und Endprodukt zu machen, besuchte KSK Mitarbeiter Leonhard Stibitz das Industriemuseum. In seiner weiteren Funktion als Vorstandsmitglied des Fördervereins Deutschen Edelsteinstraße e.V. kam Stibitz in Begleitung der Deutschen Edelsteinkönigin Bettina Reiter.

Für Bettina Reiter war es der erste Besuch an dieser eindrucksvollen Stätte, die einst eine Keimzelle der Obersteiner Industrie war. Die Edelsteinkönigin schwärmte von dem besonderen Flair, der in der dieser geschichtsträchtigen Atmosphäre vorherrsche. „Das war schon hohe Handwerkskunst, was hier geschaffen wurde, bemerkte Bettina Reiter folgerichtig. Natürlich durfte Sie auch Art Déco Schmuck anprobieren. Die Repräsentantin der Edelsteinstraße war nicht nur von Design und Ausgestaltung begeistert. Auch der Tragekomfort überraschte sie. Der doch oft opulent dimensionierte Schuck ist leicht und fühlt sich angenehm warm auf der Haut an. Ein weiterer Vorteil des Galaliths ist zudem, dass es antiallergen und antistatisch ist. Bei einem offiziellen Besuch wie diesem kommt die Deutsche Edelsteinkönigin natürlich mit Ihrer Krone. Es war schon überraschend, wie gut der Art-Déco Schmuck farblich und gestalterisch zum ebenso einzigartigem wie zeitlosen Diadem der Majestät passte. Hier wird unter Beweis gestellt, dass sich klassischer Schmuck aus edelsten Materialien durchaus mit diesem handwerklich hochwertigen Modeschmuck verträgt.
Bei einem anschließenden Gespräch erläuterten Peter Wenzel und Harald Iring den Gästen die ambitionierten Pläne für das Industriemuseum. In diesem Zusammenhang hob Wenzel die Rolle der Kreissparkasse als langjährigen verlässlichen Partner hervor. Ein weiterer wichtiger Baustein für die positive Entwicklung sei das große zustimmende Interesse der Stadtspitze an den regionalen Museen. „Da können wir in Idar-Oberstein schon froh sein, dass wir auf die Unterstützung der Stadt bauen können“, erklärt Peter Wenzel.

Im Rahmen des Städtebauförderprogramm „Aktive Stadt“ wurden in der Peripherie des Industriemuseums zahlreiche Sanierungen umgesetzt. Dies steigert die Attraktivität der Umgebung deutlich und wird auch von den Besuchern sehr positiv wahrgenommen. Und auf ebendiese Besucher – möglichst zahlreich – hofft man nun, denn durch die Pandemie sind die Einnahmen durch Eintrittsgelder weitgehend weggebrochen. Die Voraussetzungen sind laut Harald Iring nun geschaffen und man darf durch die vielen positiven Faktoren optimistisch in die Zukunft sehen.
Bilder und Text: Leonhard Stibitz, Vorstandsmitglied des Fördervereins Deutsche Edelsteinstraße e.V.